Sputnik
Wenn einer eine Krim-Reise macht… Erlebnisse des Freundschaftszuges Berlin-Moskau
Prolog
Annexion, Tote, Verwüstung – das sind Bilder von der Krim, die ich in einem Museum über die Geschichte der Halbinsel gesehen habe. Einmal waren die Eindringlinge Engländer im Krimkrieg um 1855 und dann Deutsche im Zweiten Weltkrieg, die von der historischen Großstadt Sewastopol nur neun unversehrte Häuser übrig gelassen hatten.

Der erste Schlag traf uns, als wir, 11 Teilnehmer des Freundschaftszuges Berlin-Moskau, Frauen und Männer die unbedingt die Krim mit eigenen Augen sehen wollten, und ich, der sie auf ihrer fünftägigen Reise hierher als Journalist begleitete, am 06. Juni aus dem zwei Wochen zuvor eröffneten neuen Flughafen von Simferopol, der Hauptstadt der Krim, heraustraten – 34 Grad Hitze.
Die Deutschen wollten die Realität auf der laut deutschen Politikern und Massenmedien von Russland „annektierten" Krim mit eigenen Augen sehen. Und dann kam gleich der nächste Schlag – wir wurden mit einem Kleinbus zum Rat der Stadt, direkt zum Bürgermeister von Simferopol gebracht. Igor Lukaschew, der Bürgermeister, berichtete über das seit der Wiedervereinigung der Krim mit Russland bisher Erreichte.

Neben der Krim-Brücke und dem neuen Flughafen von Simferopol, den neuen Stromkraftwerken und der wiederhergestellten Wasserversorgung für die Bevölkerung, von Strom und Wasser hatte die Ukraine die Krim als Vergeltungsmaßnahme abgeschnitten, betonte er insbesondere den Wiederaufbau der sozialen Infrastruktur einschließlich Kindergarten-, Schul-, Krankenhaus- und Wohnungsbau.

Wie ich bereits von anderen Russen aus Moskau wusste, die im Jahr 2015 die Krim besucht hatten, war die gesamte Bausubstanz auf der Krim im Bestand der Ukraine völlig heruntergekommen. Auch Kindergärten zerfielen oder wurden zweckentfremdet verscherbelt. Mit besonderem Stolz verwies Lukaschew darauf, dass die Geburtenrate in den vergangenen Jahren nach einem starken Rückgang wieder rasant angestiegen sei.
Nach drei Gläschen und etwas Krimwein einigten wir uns: "Ich heiße Igor". „Ich heiße Georg".
(Ich war der einzige von uns, der einigermaßen perfekt Russisch sprach und musste ständig übersetzen – auch im weiteren Verlauf der Reise.)
Danach lud er unsere ganze Gruppe zu einem festlichen Abendessen in ein Restaurant ein. Dort bekamen wir Nationalgerichte von verschiedenen Nationalitäten auf der Halbinsel serviert. Dann stellte der Bürgermeister eine große Flasche Klaren auf den Tisch:

„Bergarbeiterschnaps, den habe ich von Bergleuten aus dem Donbass bekommen. Heute ist mit Ihrem Besuch ein würdiger Anlass, diese Flasche zu öffnen." Nach drei Gläschen und etwas Krimwein einigten wir uns: "Ich heiße Igor". „Ich heiße Georg". (Ich war der einzige von uns, der einigermaßen perfekt Russisch sprach und musste ständig übersetzen – auch im weiteren Verlauf der Reise.)

Unsere Organisatorin, Natalia Serdjukowa, drängelte, im Hotel warte man auf uns. Wir stimmten jedoch demokratisch ab, noch ein Stündchen zu bleiben.
Im Rat der Stadt Simferopol, in der Bildmitte Bürgermeister Igor Lukaschew. (Sputnik/Hans-Georg Schnaak)
Am nächsten Morgen ging es früh raus. Der deutsche Soldatenfriedhof bei Sewastopol, ein Besuch im Staatsrat der Republik Krim (Parlament der Krim), eine Live-Pressekonferenz im Medienzentrum von Rossiya Segodnya Krim und ein Besuch von Jalta, darunter beim Rat der Stadt, standen auf dem Programm. Wir merkten langsam, dass man uns in den wenigen Tagen hier ein Maximum von der Halbinsel zeigen wollte.

Im Liwadija-Palast, in dem im Februar 1945 die berühmte Konferenz von Jalta stattgefunden hatte, erlaubte man uns als eine Art Ehrengäste ein Gruppenfoto im ansonsten für das Betreten verbotenen Innenhof zu machen.
Gruppenfoto im Innenhof des Liwadija-Palastes. (Sputnik/Hans-Georg Schnaak)
„Was sagen Sie da! Wir haben die Krim-Brücke bekommen, wir haben einen neuen Flughafen, die Strom- und die Wasserversorgung wurde wieder hergestellt! Sind das etwa keine Wunder?"
Gruppenfotos von uns und mit uns waren bei allen Einrichtungen, so auch im Parlament, obligatorisch. Am Ausgang des Palastes fragte ich zwei Eisverkäuferinnen, wie es ihnen denn auf der von Russland annektierten Krim gehe. Über das Wort „annektiert" lachten sie nur, wie übrigens auch alle weiteren Einwohner der Krim, denen ich die gleiche Frage stellte.

Dann sagten sie: „Uns geht es jetzt gut. Es gibt zwar noch Kleinigkeiten, die zu verbessern wären…" „Nun ja, innerhalb von vier Jahren braucht man natürlich keine Wunder zu erwarten", erwiderte ich. „Was sagen Sie da! Wir haben die Krim-Brücke bekommen, wir haben einen neuen Flughafen, die Strom- und die Wasserversorgung wurde wieder hergestellt! Sind das etwa keine Wunder?" Ein hinzugekommener Mann sagte zu mir: „Was die Erschwernisse für Bewohner der Krim zum Erhalt eines Visums für die EU betrifft, so müssen wir uns an die Deutsche Botschaft in Kiew wenden, das erweckt den Anschein, als habe man in der EU Angst, dass wir dort erzählen könnten, wie das Leben auf der Krim sich tatsächlich im Bestand von Russland wesentlich verbessert hat."
Deutsche Kriegsgefallene (Foto: Sputnik/Wytscheslaw Scharowski)
Vertreter des Rates der Stadt führten uns dann über die sehr gepflegte Uferpromenade von Jalta. Dort gab es auch einen großen Rummelplatz. Es herrschte ein großer Andrang. Jugendliche, Eltern mit Kindern, junge Pärchen – überall freundliche, zufriedene und auch direkt glückliche Gesichter. Mir kamen wieder die Bilder von der deutschen Okkupation in den Sinn, Tote, Ruinen…

Auch hier, auf der Uferpromenade, fiel mir auf, es waren so gut wie keine Polizisten zu sehen, und Waffen wie Maschinenpistolen hatten sie auch nicht dabei. Den gleichen Gedanken äußerten später auch andere Mitglieder der Gruppe.
Wenn wir schon in Jalta waren, wollten wir auch das berühmte Wahrzeichen der Krim, das Schwalbennest sehen. Als wir dort ankamen, war es allerdings schon dunkel. Für ein Foto nicht mehr zu gebrauchen. Ja unser Zeitplan…

Abends im Hotel waren alle förmlich erschlagen von der Masse an Eindrücken, die auf uns eingestürmt waren. Wir haben uns tatsächlich gefragt, der wievielte Tag auf der Krim das heute gewesen ist. „Leute, wir sind ja erst gestern Abend hier angekommen!" Obwohl auch der nächste Tag mit Terminen vollgepackt war, haben wir noch lange zusammengesessen. Irgendwo hatten wir um die fortgeschrittene Stunde noch Bier aufgetrieben. Jeder wollte seine positiven Emotionen von dem Erlebten den anderen mitteilen. Ständig fielen Worte wie „überwältigend, sagenhaft, so eine Gastfreundschaft, wieviel Herzlichkeit, wie aufgeschlossen die Menschen hier doch sind". Übereinstimmend wurde das Zwischenfazit gezogen: „Wir haben ja erwartet, dass das eine angenehme Reise wird, aber was wir jetzt erleben, das übertrifft alles!"
Für den nächsten Tag hatten die Organisatoren das Programm schon etwas zusammengestrichen. Sewastopol stand auf der Tagesordnung. Sie hatten selbst festgestellt, dass der geplante Umfang einfach nicht zu bewältigen war. „Wir wollen schließlich nicht, dass Sie urlaubsreif von der Krim nach Hause kommen." Schließlich hatten uns alle, Bürgermeister, Abgeordnete und einfache Bürger gebeten, das hier Gesehene als „Botschafter der Volksdiplomatie" (jeder von uns hat zum Abschied ein entsprechendes Diplom überreicht bekommen) nach Deutschland zu tragen, um dem von den dortigen Medien und Politikern verbreiteten Bild von der Krim objektive Eindrücke entgegenzusetzen.

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass das offizielle Programm kein Pflichtprogramm war. Wir konnten uns ständig sowohl einzeln als auch in der Gruppe mit und ohne unsere Einheits-T-Shirts und Fahnen des Freundschaftszuges frei und ungezwungen bewegen und spürten keinerlei Beobachtung dabei.
Also beließen wir es beim Besuch des historischen Museums Michailowski Bastion, einer Blumenniederlegung am Ehrenmal und der ewigen Flamme für die bei der Verteidigung und Befreiung von Sewastopol im Zweiten Weltkrieg Gefallenen der Roten Armee, einer anschließenden Exkursion zur antiken Ruinenstadt Chersones und einem abschließenden Bad im Schwarzen Meer.
Vor der Adlersäule, dem Denkmal für die im Krimkrieg 1855 vor der Hafeneinfahrt zum Schutz versenkten russischen Schiffe. (Sputnik/Hans-Georg Schnaak)
Uns waren schon öfter Jugendliche und Kinder in blauer Einheitskleidung aufgefallen, mit der Aufschrift „Artek" darauf. Artek war ein zu Sowjetzeiten berühmtes Pionierferienlager auf der Krim, direkt mit Zugang zum Meer. Ich hatte im Fernsehen Bilder gesehen, wie dieses Ferienlager während der Zeit in der unabhängigen Ukraine, also nach 1991, zusehends dem Verfall preisgegeben war. Auch in Chersones lief uns eine Gruppe solcher Jugendlicher über den Weg.

Ich sprach sie an, wie die Zustände in dem Lager denn jetzt seien. Mit strahlenden Gesichtern sagten sie, nur die besten Schüler dürften als Auszeichnung dorthin fahren. Das Ferienlager sei auf das Beste eingerichtet und alle würden sich dort sehr wohl fühlen. Jede Belegung erfolge für drei Wochen. Die Deutschen – auch in Einheitskleidung, den T-Shirts des Freundschaftszuges – erklärten, weshalb sie auf die Krim gekommen seien. Zum Abschied reichten die russischen Jugendlichen jedem von uns die Hand und plötzlich umarmte mich ein Mädchen von ihnen. Das war für alle von uns ein überwältigender Augenblick, den ich wohl nie vergessen werde.
Zufällige Begegnung mit Ferienkindern aus Artek. (Sputnik/Hans-Georg Schnaak)
Peter bot uns an, er habe noch etwas Wodka. „Das verschieben wir lieber auf die Feier nach der Brücke, das Taxi steht um halb fünf vor der Tür, uns bleiben noch drei Stunden Schlaf", gelang es mir die Beiden zu überzeugen.
Am Abend im Hotel sagte ich, dass ich am nächsten Tag unbedingt zur Krim-Brücke fahren wolle. Dieses Ansinnen hatte man zwar versucht, uns auszureden – immerhin hin und zurück mehr als 600 Kilometer, aber ich hatte mir das nun einmal in den Kopf gesetzt. Wer weiß, wann ich wieder hierher kommen würde.

Auf dem offiziellen Programm stand ein in den Felsen gehauenes unterirdisches Reparaturwerk und Museum für U-Boote. Hätte mich ja auch brennend interessiert, aber die Brücke zog stärker.

Außerdem könnte ich bei der langen Fahrt auch meine vom vielen Übersetzen schon stark strapazierten Stimmbänder etwas ausruhen lassen. Einer der Teilnehmer, Peter Schüler aus Kassel, meinte zu mir, „Ich will unbedingt dahin, auch wenn ich alleine fahren muss!" Mark Brill aus Dortmund schloss sich uns auch noch an. Also bestellte ich ein Taxi, den Fahrer hatte einer der russischen Touristen, die ebenfalls in unserem Hotel wohnten, mir empfohlen. Peter bot uns an, er habe noch etwas Wodka. „Das verschieben wir lieber auf die Feier nach der Brücke, das Taxi steht um halb fünf vor der Tür, uns bleiben noch drei Stunden Schlaf", gelang es mir die Beiden zu überzeugen.
Das Taxi war pünktlich, wir auch. „Ich möchte unbedingt in der Morgensonne am Schwalbennest vorbei, ich brauche noch ein Foto davon." Es gab keine Einwände. Noch vor dem Schwalbennest zeigte der Fahrer auf Kanonen, ein altes Auto und Motorräder am Straßenrand: „Das ist das Museum des Biker-Clubs ‚Nachtwölfe' auf der Krim." „Aaanhaaalten" tönte es von Peter. Schnell ein paar Fotos geschossen, und schon ging es weiter.
Peter Schüler versucht sich als Biker der Nachtwölfe. (Sputnik/Hans-Georg Schnaak)
„Peter, jetzt kannst Du den Wodka holen."
Nach acht Stunden und vielen herrlichen Blicken auf die Landschaft der Krim (leider stand die Sonne nie so, wie ich sie für schöne Fotos gebraucht hätte) waren wir auf der Krim-Brücke. 19 Kilometer aufs russische Festland und 19 Kilometer zurück. Eine beeindruckende Fahrt. Wir waren ganz stolz auf uns und freuten uns über unseren Fahrer, der den Ausflug nicht weniger zu genießen schien, als wir. Maxim, der Fahrer, war übrigens aus dem Donbass auf die Krim gekommen. Er habe schon länger mit dem Gedanken gespielt, aber die Ereignisse in der Ukraine hätten seine Entscheidung beschleunigt.

Wieder am Hotel waren 16 Stunden vergangen und der Kilometerzähler zeigte stolze 750 Kilometer an. Wir haben es gemacht. „Peter, jetzt kannst Du den Wodka holen." Die anderen fanden ihren Besuch im U-Boot-Museum zwar sehr interessant, aber ein kleines Bisschen schienen sie uns doch um unser Abenteuer zu beneiden.
Und schon war der letzte Tag vor der Abreise gekommen. Wieder offizielles Programm. Diesmal ging es in den Kinderheilkurort Jewpatoria. Auch hier zuerst zum Rat der Stadt, wo wir auch wieder sehr herzlich begrüßt wurden. Auch hier wurde darauf verwiesen, dass auf der Krim laut der letzten Volkszählung Vertreter von etwa 140 Nationalitäten friedlich miteinander leben.

Dann eine Führung durch das historische Stadtzentrum. Die Geschichte dieses Ortes reicht 2600 Jahre zurück. Die hiesige Bevölkerung war immer sehr bunt: Tataren, Karaime, Juden, Türken, Russen, Armenier… und sie alle hinterließen hier ihre Spuren. Zwischen Bauten aus dem 15. Jahrhundert sprach ich ein junges Paar, Arina und Alexej, an und fragte, wie es ihnen auf der Krim gehe. Alexej war von Wolgograd hierhergekommen, seine Frau stammt von der Krim. Die Antwort war: „Wir sind hier zu Hause und wir fühlen uns auch so." Dann fragte ich sie nach den Spannungen mit den Krim-Tataren, die laut deutschen Medien hier unterdrückt werden. „Was reden Sie da! Wir selbst haben unter unseren Freunden viele Krim-Tataren, wir sind hier alle gleich."
Zufriedene Bewohner der Krim: Arina und Sergej. (Sputnik/Hans-Georg Schnaak)
Am nächsten Tag, schon auf dem Flughafen, sprach ich Touristen an, die, wie es sich herausstellte, auf der Heimreise ins Gebiet Moskau waren. Ihr Eindruck vom Urlaub lautete zusammengefasst: „Wir haben die Erkenntnis gewonnen, dass die Bewohner der Krim viel größere Patrioten Russlands sind, als die Bevölkerung aller anderen Regionen des Landes."

Die Deutschen waren etwas müde von den unheimlich vielen positiven Eindrücken und Emotionen, aber in einer für sie, wie sie selbst sagten, seltenen Hochstimmung. Diese Begeisterung werde noch lange vorhalten und in Deutschland würden schon viele Freunde, Bekannte und Verwandte auf ihren Bericht über ihre Russlandreise und insbesondere den Besuch auf der Krim warten, war der allgemeine Tenor. Aber zunächst wartete noch das Eröffnungsspiel der Fußball-WM in Moskau auf sie.
Epilog
„Wieder in der Wirklichkeit Deutschland angekommen"
Kurz nach dem Eintreffen des Freundschaftszuges am 16. Juni im Berliner Hauptbahnhof nach der Rückkehr von Moskau bekam ich eine Mitteilung von einem der Teilnehmer. Etwas mehr als 15 der insgesamt etwa 100 Deutschen, die nach Russland gereist waren, hätten beschlossen, in der Nähe des Bahnhofs, auf dem Rasen vor dem Reichstag zum Abschied noch einmal gemeinsam zu frühstücken.
Kaum hätten sie sich hingesetzt und das erste Brötchen verzehrt, sei Polizei gekommen. Und das, da sie überwiegend noch die gleichen T-Shirts von der Reise angehabt hätten, auf denen eine russisch-deutsche Flagge abgebildet gewesen sei, das Zeichen der Freundschaft. Professor Rainer Rothfuß, Gründer der Druschba Global e.V., der zu den Organisatoren des Freundschaftszuges gehört habe und mit dabei gewesen sei, habe versucht die Umstände zu erklären.

Die Polizei habe sich jedoch auf keine Erklärungen eingelassen. Rothfuß habe eine Strafanzeige wegen Missachtung des Versammlungsrechts bekommen. Ferner sei der Großteil der Gruppe erkennungsdienstlich erfasst worden und habe „eine Ordnungswidrigkeit verpasst" bekommen. „Ja wir sind nach wunderschönen Tagen zu Gast bei Freunden wieder in der Wirklichkeit Deutschland angekommen."




Text
Hans-Georg Schnaak
Made on
Tilda